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Willy Brandt – Deutsche Wegmarken
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Historische Einordnung
Willy Brandt prägte die deutsche und europäische Nachkriegsgeschichte wie nur wenige Politiker seiner Generation. Als Gegner des Nationalsozialismus ging er ins Exil, wurde nach dem Krieg Regierender Bürgermeister von Berlin, später Bundeskanzler und erhielt 1971 den Friedensnobelpreis. Seine Politik war von der Erfahrung geprägt, dass demokratische Erneuerung, europäische Verständigung und ein realistischer Umgang mit politischen Machtverhältnissen zusammengehören. Die Berliner Lektion „Deutsche Wegmarken“ wurde am 11. September 1988 im Renaissance-Theater aufgezeichnet – wenige Monate vor den Umbrüchen, die Europa grundlegend verändern sollten.
Inhalt der Edition
Brandt untersucht drei historische Wegmarken, die für ihn mit politischen Lebenslügen verbunden sind. Zunächst blickt er auf die Revolution von 1918/19 und widerspricht der Vorstellung, Deutschland habe damals unmittelbar vor einer bolschewistischen Machtübernahme gestanden. Er zeigt, wie die Angst vor dem Kommunismus dazu beitrug, alte Eliten in Militär, Bürokratie und Justiz unangetastet zu lassen und die junge Demokratie zu schwächen.
Die zweite Wegmarke betrifft das Jahr 1945 und die deutsche Teilung. Brandt beschreibt die Illusion, die staatliche Einheit könne nach Krieg und Besatzung nahezu selbstverständlich wiederhergestellt werden. Er verteidigt die Ostpolitik als Versuch, politische Wirklichkeit anzuerkennen, ohne das Recht auf Selbstbestimmung aufzugeben.
Schließlich spricht er über den 13. August 1961. Selbstkritisch erinnert er an die Ohnmacht gegenüber dem Mauerbau, an enttäuschte Erwartungen an die Westmächte und an die Einsicht, dass kleine, konkrete Schritte für die Menschen wichtiger werden konnten als große, folgenlose Worte.
Bedeutung als Zeitdokument
Die Aufzeichnung dokumentiert Brandts politische Denkweise in konzentrierter Form: historisch argumentierend, realistisch in der Einschätzung von Macht und zugleich fest in der Bindung an demokratische Grundsätze. Besonders bemerkenswert ist seine Bereitschaft, eigene Irrtümer und Illusionen einzubeziehen. Geschichte erscheint bei ihm nicht als abgeschlossener Lehrstoff, sondern als Prüfung politischer Urteilskraft.
Auch heute besitzt diese Lektion eine auffällige Aktualität. Brandts Warnung vor politischen Legenden, vor dem Abschieben eigener Verantwortung und vor einer Demokratie, die von ihren tragenden Kräften nicht entschlossen verteidigt wird, berührt gegenwärtige Debatten unmittelbar. Seine Überlegungen zu Krieg und Frieden, nationaler Selbstüberschätzung, europäischer Verantwortung und politischer Polarisierung erinnern daran, dass demokratische Stabilität nie selbstverständlich ist. Der Vortrag fordert dazu auf, Wirklichkeit anzuerkennen, ohne sich mit ihr abzufinden.
Editionsangaben
| Reihe | Berliner Lektionen |
|---|---|
| Edition | 03 |
| Titel | Willy Brandt – Deutsche Wegmarken |
| Aufzeichnung | 11. September 1988 |
| Laufzeit | 67 Minuten |
| Produktion | Zeitzeugen TV |
| Format | DVD-R (On-Demand) |
Hinweise zur Edition
Diese Edition enthält eine historische Aufzeichnung in ihrer überlieferten Form. Bild- und Tonqualität entsprechen dem Ausgangsmaterial. Inhaltliche und sprachliche Eigenheiten der Entstehungszeit wurden bewahrt.
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