Bahnsteig 1 – Rückfahrt nach Flatow

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Historische Einordnung

Flatow, das heutige Złotów in Polen, war bis 1945 eine kleine deutsch geprägte Stadt, in der jüdisches Leben über Generationen selbstverständlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Alltags war. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten zerbrach dieses Zusammenleben innerhalb weniger Jahre. Aus Nachbarn wurden Ausgegrenzte, aus Schulfreunden Verfolger, aus vertrauten Straßen Orte der Bedrohung.

Der Film folgt Arnold Julius und Walter Frankenstein, zwei der letzten jüdischen Zeitzeugen aus Flatow. Beide mussten ihre Heimat als Jugendliche verlassen und fanden zunächst in Berlin Zuflucht. Von dort führten ihre Wege durch Verfolgung, Deportation, Illegalität und Konzentrationslager. Jahrzehnte später kehren sie gemeinsam an den Ausgangspunkt ihrer Lebensgeschichte zurück.

Inhalt der Edition

Im Zentrum steht die Reise nach Flatow und die Begegnung mit Orten, die für Arnold Julius und Walter Frankenstein mit Kindheit, Verlust und Verfolgung verbunden sind. Auf dem Marktplatz, am Bahnhof, vor den ehemaligen Wohnhäusern und am Standort der zerstörten Synagoge entstehen Erinnerungen an das frühere Zusammenleben von jüdischen und nichtjüdischen Einwohnern – und an dessen gewaltsame Zerstörung nach 1933.

Der Film verbindet diese Spurensuche mit den Lebenswegen beider Männer in Berlin. Arnold Julius berichtet von seiner Deportation nach Auschwitz, von Zwangsarbeit, Hunger und Todesmarsch. Walter Frankenstein schildert das Überleben seiner Familie in der Illegalität, die ständige Suche nach Verstecken, Nahrung und unauffälliger Normalität. Ihre Erinnerungen machen sichtbar, wie unterschiedlich Überleben aussehen konnte und wie stark Zufall, Hilfe, Mut und Entschlossenheit darüber entschieden.

Die gemeinsame Reise wird zugleich zu einer späten Öffnung. Arnold Julius, der über seine Lagererfahrungen jahrzehntelang kaum gesprochen hatte, beginnt im Verlauf des Films ausführlicher zu erzählen. So entsteht nicht nur eine Rückkehr an einen geografischen Ort, sondern auch eine Annäherung an lange verdrängte Erfahrungen.

Bedeutung als Zeitdokument

Die Edition bewahrt Erinnerungen an eine untergegangene jüdische Lebenswelt und verbindet lokale Geschichte mit den zentralen Verbrechen des Nationalsozialismus. Die konkreten Straßen, Häuser und Plätze geben der Verfolgung eine räumliche und biografische Dimension, die über abstrakte Zahlen hinausführt.

Von besonderer Bedeutung ist die Gegenüberstellung zweier Überlebenswege: Deportation und Konzentrationslager auf der einen, Leben im Untergrund auf der anderen Seite. Der Film zeigt, wie Verfolgte ihre Würde, ihre Bindungen und ihren Lebenswillen unter extremen Bedingungen zu bewahren versuchten. Zugleich dokumentiert er, wie Erinnerung im hohen Alter wieder zugänglich wird und wie schmerzhaft eine Rückkehr an vertraute Orte sein kann.

Editionsangaben

Titel Bahnsteig 1 – Rückfahrt nach Flatow
Mitwirkende Arnold Julius und Walter Frankenstein
Film von Thomas Grimm und Andreas Kossert
Produktionsjahr 2012
Laufzeit 76 Minuten

Hinweise zur Edition

Die Edition dokumentiert die historische Aufzeichnung in ihrer zeittypischen Form. Bild- und Tonqualität entsprechen dem erhaltenen Ausgangsmaterial.

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